Persönlichkeitsschmieden? Überlegungen zur Funktion von Gruppen in der modernen Gesellschaft

Als Individuum wird man geboren – zur Person wird man gemacht. Wird diesem Credo gefolgt, lautet die Frage, wo im Rahmen einer modernen, funktional differenzierten Gesellschaft (noch) entsprechende Möglichkeiten zur Formung von Personen gegeben sind. Die Hypothese lautet, dass Gruppen zwar nicht die einzigen, aber effektivsten Persönlichkeitsschmieden neben Familien und Schulen darstellen, indem sie sich über Meinungskommunikation reproduzieren und damit unweigerlich Personen mit kohärenten Selbstdarstellungen herstellen.

Eine Antwort auf die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion von Gruppen müsste jedoch gleichzeitig mit angeben, welche Problemstellung(en) die moderne Gesellschaft auszeichnet, die nicht oder vergleichsweise nur sehr beschränkt von anderen sozialen Systemen als Gruppen bearbeitet werden können. Der Primat der funktionalen Differenzierung erzeugt, so die Annahme, Folgeprobleme – die selbst aufgelöst werden müssen, um den Primat überhaupt durchsetzen und stabilisieren zu können.

Wo werden Personen als Personen in der modernen Gesellschaft geformt?


Eine mögliche Hypothese zur Funktion von Gruppen in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft lautet, dass Gruppen primär zur Personenbildung (ihrer Mitglieder) beitragen – also an ihren Selbstdarstellungen „arbeiten“, indem innerhalb ihrer Grenzen die Dosierung von Takt und Taktlosigkeit – wie explizit oder implizit auch immer – eingeübt werden kann. Dosierung stellt dabei sowohl auf das (richtige) Erleben von Takt und Taktlosigkeit im Sinne von Erträglichkeitserwartungen als auch auf das (richtige) Handeln mit Takt und Taktlosigkeit im Sinne von Verträglichkeitserwartungen ab. Anders formuliert: Die Verhältnismäßigkeit des zweiseitigen Umgangs mit eigenen und fremden Selbstdarstellungen – Affirmation bzw. Schonung (Takt) und Kritik bzw. Insistieren auf Gegendarstellungen (Taktlosigkeit) – wird im Rahmen personal begrenzter Gruppensysteme in einem Art „Schutzmodus“ risikoloser erlernbar: Lieber im Zweifel präventiv von einem Gruppenmitglied „wohlwollende, freundschaftliche Kritik“ an der eigenen, übertriebenen Sozialkosmetik ins Gesicht oder „durch die Blume“, als außerhalb der Gruppe ungeschützt direkt und möglicherweise unvorbereitet an den Kopf. Da Gruppen auf relative, jedoch prekäre Dauer angelegt sind, muss der Modus der Kritik selbst modifizierbar (kognitiv) bleiben. Als Beispiel: In Gruppen wird man häufiger das Vergeben von Spitznamen aufgrund von personenbezogenen „Auffälligkeiten“ beobachten können, die gleichzeitig humoristische Spitzen gegenüber den Namensträgern enthalten. Die Darstellung einer Person ist alles andere als ihr eigenes Werk, sondern vielmehr eine Ko-Produktion aus Selbstbeobachtungen und Fremdbeobachtungen (vgl. André Kieserling 1999: Kommunikation unter Anwesenden, Frankfurt am Main, S. 121, Anm. 18.). Insofern darf der Spitzname – um hier nur ein Beispiel auszuführen – selbst nicht kritisch übertreiben (zu taktlos sein), um die Attraktivität der Gruppenmitgliedschaft nicht zu gefährden. Wer zu oft und zu hart gemobbt wird, hat wohl kaum Interesse, sich freiwillig (Merkmal von Gruppen) und dauerhafter darauf einzulassen. Humor und Ironie mit kleineren Spitzen könnten Typenprogramme sein, die die Geselligkeit von Gruppen nicht unterlaufen, aber die Funktion der Personenbildung durch Erlernen des Umgang mit Takt und Taktlosigkeit erfüllen.

Hinter der Hypothese stehen folgende Annahmen zur Herleitung: Während Organisationen und Funktionssysteme durch ihre Rollenspezifikationen, Konditionalprogramme und Codierungen vor allem „Taktunfähigkeit“ zeigen (vgl. für Organisationen Niklas Luhmann 1964: „Lob der Routine“), zeichnen sich hingegen Intimsysteme (Zweierbeziehungen wie Partnerschaft oder Freundschaft mit „platonischer Liebe“) und auch zufällig entstehende Interaktionen unter Unbekannten durch „Taktorientierung“ aus, um zur Fortsetzung zu motivieren (vgl. Peter Fuchs 1999/2003: Intimsysteme, Konstanz und für Interaktionssysteme, Kieserling 1999: S. 162f.). Gruppen oszillieren hingegen unter ihren Mitgliedern in Bezug auf Gruppenmitglieder zwischen differenziertem Takt und differenzierter Taktlosigkeit hinsichtlich ihrer Selbstdarstellungen, um Zumutungen, Zumutbarkeiten und Toleranzschwellen im Medium der Meinung auszutesten. In intimen Zweierbeziehungen und Familien bezüglich der Selbstdarstellungsmöglichkeiten tendenziell „in warme Wolle“ gepackt sowie in unpersönlichen, dauerhafteren Organisations- und Funktionssystemen „in kaltem Wasser“ gebadet, immunisieren Gruppen potenziell in beide Richtungen. Gruppen können gewissermaßen zwischen Wärme und Kälte hin und her schalten; sie „temperieren“ personenbezogen ihre Mitglieder, um sie außerhalb der Gruppe bei Erfahrungen mit Takt und Taktlosigkeit – die Metapher fortführend – weder zu stark schwitzen noch zu stark frieren zu lassen. Auch in Familien finden sich natürlich Formen der Taktlosigkeit – gerade unter Geschwistern (wenn vorhanden) – aber: unter anderen Bedingungen als in Gruppen. Die Freundschaft zu Freundesfreunden (Gruppen) kann jederzeit aufgekündigt werden; Verwandtschaft lässt sich weder aussuchen noch kann man ihr einfach – z.B. erst mit gewissem Alter – fern bleiben.

Eine Analyse müsste zeigen, dass a) Familien und b) Schulen nicht die gleichen Möglichkeiten wie Gruppen besitzen, um zur Personenbildung beizutragen.

Gliederungsüberlegungen:
I. Einleitung
II. Zur Differenzierung von Person und Rolle
III. Taktorientierung und Taktlosigkeit in der Moderne
IV. Kandidaten für Persönlichkeitsschmieden
1. Familien – personaler Universalismus
2. Schulen – personaler Partikularismus
V.  Gruppen und Meinungskommunikation
VI. Zusammenfassung

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