Ultras – Fanatisch ohne Pause? Ein Grenzfall zur Unterscheidung intermittierender Systeme

Als intermittierende Systeme lassen sich solche Sozialsysteme begreifen, die …
(a) zeitweilig aussetzen können, aber nach ihrer Unterbrechung nicht wieder ganz bei Null anfangen müssen… (b) unabhängig der kontinuierlichen Anwesenheit aller vormals Beteiligten fortbestehen können… (c) bereits eine Reflexion des Systems im System vollziehen, um eine eigene Identität für einen höheren Grad der Bindung ihrer Teilnehmer auszubilden. Vermutlich, so Niklas Luhmann, ist das Problem der zeitlichen Diskontinuität eines der wichtigsten Anlässe, sich die Identität des sozialen Systems bewusst zu machen. Das Problem der Kontinuität wird paradoxerweise durch Unterbrechung der Kontinuität gelöst. Frei nach dem alten Motto: Willst Du gelten, mach Dich – zumindest etwas – selten(er)!

Interaktionssysteme stellen typischerweise keine intermittierenden Systeme dar: Sie sind (nur) kurzfristig angelegt, umfassen (bloß) wenige Teilnehmer und zeigen sich (allein) als Handlungssysteme von geringer struktureller Komplexität. Jede Ausdehnung stößt sehr rasch an Grenzen: Soll das System länger dauern, bröckeln – aller Wahrscheinlichkeit nach – die Teilnehmer ab. Sollen mehr Personen teilnehmen, wird die überwiegende Zahl der Anwesenden zur Passivität verurteilt.

Intermittierende Systeme haben hingehen nicht nur eine Geschichte, sondern auch eine Zukunft und müssen dementsprechend einen höheren Grad der Bindung ihrer Teilnehmer erreichen. Organisationssysteme substituieren Anwesenheit durch Mitgliedschaft. Gesellschaftssysteme substituieren Anwesenheit durch kommunikative Erreichbarkeit, also – wie Luhmann formuliert – Interaktionsmöglichkeit schlechthin.

Literatur:

  • Luhmann, Niklas (2009): Einfache Sozialsysteme. In: ders., Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft, 6. Auflage, Wiesbaden: VS-Verlag, S. 25-47.
  • Kieserling, André (1999): Kommunikation unter Anwesenden. Studien über Interaktionssysteme, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Die Anschlussfrage lautet: Worin unterscheiden sich intermittierende Systeme wiederum untereinander? Wenn Mitgliedschaft nicht nur ein Merkmal von Organisationen im Speziellen, sondern von Gemeinschaften im Allgemeinen ist, dann könnten weiterführende Überlegungen angestellt werden.

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